Cover
Titel
Ideologie und Diskurs. Aufsätze


Autor(en)
Pêcheux, Michel
Herausgeber
Eichhorn, Ivo
Erschienen
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Kappeler, Seminar für Deutsche Philologie, Georg-August-Universität Göttingen

Kaum ein Theoretiker ist heute im deutschsprachigen Raum so vergessen wie Michel Pêcheux (1938–1983). War er in den 1970er-Jahren in Frankreich einer der einflussreichsten Diskursanalytiker/innen1, so wurden seine Bücher zwar unter anderem ins Portugiesische und Englische übersetzt, keines jedoch ins Deutsche. Selbst auf Wikipedia findet sich nur ein Eintrag zum gleichnamigen Fechter. Dankenswerterweise hat nun der Frankfurter Rassismustheoretiker Ivo Eichhorn in einem kleinen Wiener Verlag sechs Artikel Pêcheuxs in deutscher Übersetzung (zwei von ihnen erstmals) publiziert.

Dass diesen heute ungeahnte Aktualität zukommt, ist besonders ihrer Verbindung der Analyse von Diskurs und Ideologie geschuldet. Zwar haben sich die methodologischen Instrumentarien der Untersuchung von Textkorpora seit den Hochzeiten der Ideologieforschung verfeinert – von der Diskursanalyse bis zu den Digital Humanities. Oftmals enthalten sich Studien heute jedoch einer kritischen Verortung ihrer Gegenstände oder vollziehen diese nur als subjektiven Akt, der mit der wissenschaftlichen Analyse nicht in systematischer Weise verbunden ist. Im ersten Fall laufen sie Gefahr, die Distanz zum untersuchten Objekt zu verlieren.2 Im zweiten Fall wird die Kritik des untersuchten Objekts auf eine vermeintlich rein subjektive Wertung reduziert. Als ideologisch erscheint dann meist das von der eigenen Position oder einer implizierten Normalität Abweichende, kaum je die eigenen Diskurse oder die gesellschaftliche Normalität selbst: die radikale Rechte wie Linke, nicht aber die „bürgerliche Mitte“; die „Feinde der Wissenschaftsfreiheit“, aber nicht das selbst (für die große Mehrheit der dort prekär Beschäftigten) höchst unfreie Wissenschaftssystem. Dagegen folgt der marxistische Linguist Pêcheux der ideologietheoretischen „These, dass man desto mehr unterworfen ist, je weniger man die Ursachen kennt“ (S. 52) – und vice versa umso freier, je genauer man um die institutionell verankerten ideologischen Zwänge weiß, denen man selbst unterworfen ist. Eine Kenntnis der eigenen ideologischen Begrenzungen fördert die Qualität der Analyse. Pêcheux widmet sich konsequenterweise gerade auch innerhalb ihm nahestehender Theorien kursierender Ideologien, seien es kapitalistische Verhältnisse affirmierende Richtungen der Linguistik oder die marxistische Theorie als „Staatsreligion“ (S. 106) des Ostblock-Sozialismus.

Der Text „Von Foucault auf Spinoza zurückkommen“ aus dem Jahr 1977, der zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt, fragt nach der ideologischen Stellung verschiedener (formalistischer, historistischer und analytischer) Sprachtheorien im Klassenkampf, ist dabei allerdings noch sehr von traditionell marxistischem Vokabular geprägt. Doch sollte mit diesem nicht der heute noch produktive Grundgedanke über Bord geworfen werden, statt akademischer Schriften den politischen Gebrauch von Texten ins Zentrum der Diskursanalyse zu rücken (S. 39f.). Pêcheux wirft Michel Foucault vor, den politisch umkämpften Charakter von Diskursen nicht systematisch in den Blick zu bekommen (S. 53, S. 88). Diesem Problem nimmt sich der folgende Aufsatz „Zu rebellieren und zu denken wagen!“ an, der ursprünglich im Jahre 1978 im Rahmen eines gescheiterten Buchprojekts mit Christiane Kammler, Gerhard Plumpe und Peter Schöttler explizit für ein deutsches Publikum geschrieben, aber erst 1984 in Jürgen Links Zeitschrift „kultuRRevolution“ (mit Anwendungen für den Schulunterricht) veröffentlicht wurde.3 Der selbstorganisierte Kampf um Institutionen als „Ort [...] der Transformation der Produktionsverhältnisse“ (S. 66) muss Pêcheux zufolge wesentlich die Auseinandersetzung um in diesen Institutionen zirkulierende Ideologien umfassen. Ein konstitutives Moment von Ideologien ist demnach die Identifikation von Subjekten mit ihrer Position innerhalb der Herrschaftsordnung. Dem setzt Pêcheux den Begriff der „Ent-Identifizierung“ entgegen, welcher eine „Transformation der Subjekt-Form“ (S. 76) bezeichnet: Es gelte, sich von der binären Zuordnung und Unterwerfung als proletarisches/bürgerliches, weibliches/männliches oder „Schwarzes“/„Weißes“ Subjekt zu befreien.

Wenn Pêcheux postuliert, dass Ent-Identifizierungen sich in Versprechern, Blasphemien oder Zweideutigkeiten andeuten können (S. 84), ist es konsequent, den Fokus auch auf die Narrativität und Metaphorizität von Diskursen zu richten. Dies leistet der kurze Text „Metapher und Interdiskurs“, der ein Symposium in Bochum im Jahre 1980 dokumentiert und erstmals 1984 im von Jürgen Link und Wulf Wülfing herausgegebenen Band „Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen“ erschien.4 Dabei wird Links These kritisiert, Metaphern erlaubten eine Integration von Diskursen in einen sogenannten Interdiskurs (S. 103) – vielmehr wird die Metapher als eine Störung von Diskursen aufgefasst, die Ent-Identifizierungen Raum geben kann (S. 105). Dieser Auffassung folgend integriert etwa der Slogan „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ nicht so sehr Diskurse des Straßenbaus und der Politik, als dass er beide subvertiert; denn unter dem Pflaster liegt in beiden Diskursen kein Strand. Erst die Metapher stört die Identifizierung mit der Bepflasterung der Wege durch Bauingenieurswesen und Politik.

An die früheren Überlegungen zur Ideologie schließt dann der Beitrag „Ideologie – Festung oder paradoxer Raum?“ an, welcher auf einen Vortrag Pêcheuxs auf der Berliner Konferenz „Probleme der Ideologietheorie“ im Jahr 1982 zurückgeht und zuerst 1983 in einer Übersetzung des marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug in dessen Zeitschrift „Das ARGUMENT“ publiziert wurde.5 Damit lässt er sich als Intervention in die Ideologiedebatte der 1970er-/1980er-Jahre verstehen, mutet zugleich aber höchst aktuell an, wenn Neoliberalismus und Populismus als Beispiele für Ideologien diskutiert werden. Pêcheux unterscheidet einen (neo-)liberalen Kapitalismus angloamerikanischer Prägung von einer eher an dessen Peripherie angesiedelten „germanischen“ Variante mit starkem, tendenziell „totalitärem“ Staat, der von Pêcheux auf die ideologische Formel „Ausnahmezustand“ plus „Populismus“ („Der Staat des ganzen Volkes“, S. 112) gebracht wird. Dieses Modell müsste heute wohl verfeinert werden, finden sich doch Neoliberalismus und Rechtspopulismus derzeit in diversen Amalgamierungen gemeinsam in ein und denselben Staaten wieder. Als Einsatzpunkt einer Politik gegen beide Formen des Kapitalismus wird gleichwohl weitblickend die stetige „Reproduktion/Transformation der Klassenbeziehungen“ (S. 115) jenseits des positiven Bezugs auf ein angeblich stabiles und homogenes „weißes“, männliches Proletariat angesehen, die allerdings zunehmend mit der neoliberalen Atomisierung der Gesellschaft konfrontiert sei, welche wiederum „neue[n] Populismen“ (S. 118) Raum gebe.

Der kurzen, bereits 1983 auf Deutsch veröffentlichten Vorstellung eines Forschungsprojekts „Lektüre und Gedächtnis“ folgt mit dem erstmals ins Deutsche übersetzten Text „Der Diskurs – Struktur oder Ereignis?“ der klarste Einblick in Pêcheuxs analytische Arbeitsweise – und in seinen gewitzten Stil, etwa in der Beschreibung eines Marxisten, welcher verzweifelt versucht, ein Bücherregal zu bauen, doch fortwährend am „sex-gender-system der Technik“ scheitert (S. 134). Dieser Abgesang auf den Marxismus als übergreifende Theorie gibt Anlass dazu, am Beispiel der „kollektiven Äußerung [...] ‚On a gagné‘“ (S. 139f.) anlässlich des Wahlsiegs der Linken in Frankreich 1981 eine Analyse alltäglicher, doch komplex strukturierter politischer Sprechakte vorzuschlagen, die gerade deren Mehrdeutigkeit als konstitutives Moment der Realität auffasst. Pêcheux fordert, Äußerungen wie diese nicht, wie in der analytischen Philosophie üblich, in vermeintlich exakte Begriffe zu übersetzen. Stattdessen gilt es, sie in ihrer Besonderheit als Ereignisse zu beschreiben, die nicht auf zuvor feststehende diskursive Regeln rückführbar sind, sondern aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit und Unschärfe in ungeahnter Neukombination vielfältig adaptierbar sind. So umfasst allein das französische Verb „gagner“ mindestens neun Bedeutungen, welche in der Äußerung „On a gagné“, verstärkt durch die Unschärfe des Subjekts der Aussage (Wer gewinnt was, wie und für wen?), mitschwingen. Mögliche heutige Anwendungsbeispiele liegen auf der Hand, etwa Angela Merkels wirkmächtiger, in seiner schillernden diskursiven Gestalt jedoch unzureichend untersuchter Ausspruch „Wir schaffen das“ im Kontext des kurzen Sommers der Migration in die EU im Jahr 2015.

Der Band schließt mit Auszügen eines Texts der Althusser-Experten Warren Montag und Pedro Karczmarczyk zu Pêcheuxs Ansatz eines „Materialismus des Buchstabens“ (S. 175) sowie einem Überblick des Herausgebers über dessen deutschsprachige Rezeption, die bislang zu Unrecht nur an den kleinen progressiven Rändern der Literaturwissenschaft (Jürgen Link, Annette Runte), Philosophie (Wolfgang Fritz Haug, Frieder Otto Wolf), Geschichte (Peter Schöttler), Politikwissenschaft (Manuela Bojadžijev, Jost Müller, Martin Nonhoff) und Linguistik (Johannes Angermüller, Dietrich Busse, Wolfgang Teubert) angesiedelt ist. Eichhorn selbst verortet die aktuelle politische Bedeutung von Pêcheux in seiner Einführung in der derzeitigen Konjunktur des Rassismus in Deutschland. Über diesen Fokus hinaus wäre zu fragen, ob nicht intersektionale Forschungen zum Zusammenwirken von Rassismus, Geschlechter- und Klassenherrschaft weiterführen könnten. Gerade für die Untersuchung individueller Diskriminierungen und mehrdimensionaler Herrschaftsverhältnisse in ihrem Zusammenhang könnte sich ein Rekurs auf die ideologietheoretische Perspektive Pêcheuxs als relevant erweisen. Dessen auf die Ereignishaftigkeit, Poetizität und Politizität des Diskurses abhebender Zugriff vermag es, Diskurs- und Ideologieanalyse zu verbinden. Ideologie wird nicht nur als Funktionselement von Herrschaft begriffen, sondern auch als Element politischer Auseinandersetzungen: Ideologien sind in der Realität stets umkämpft, nicht nur, weil sie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hinterfragt werden.

Der Ideologiebegriff wurde innerhalb der historischen Umbrüche 1989/90 und der (selbst ideologischen) neoliberalen Hegemonie nicht überwunden, sondern ging zum Nachteil nicht bloß für diskursanalytische Studien verschütt. Bei Pêcheux wurden in den 1980er-Jahren hingegen Voraussetzungen für eine Verbindung von Ideologie- und Diskursanalyse entwickelt, die heute in einer neuen Figuration zusammengedacht werden sollten. Es ist zu hoffen, dass in Nachfolge von Eichhorns verdienstvollem Vorstoß Übersetzungen weiterer Schriften Pêcheuxs folgen werden – und eine Renaissance ideologietheoretisch unterfütterter Analysen.

Anmerkungen:
1 Siehe Johannes Angermüller, Nach dem Strukturalismus, Bielefeld 2007, S. 108f.
2 Siehe etwa jüngst Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019, S. 18, S. 28, S. 114ff.
3 Zuerst in: kulturRRevolution 5 (1984), S. 61–65, und 6 (1984), S. 63–66.
4 Zuerst in: Jürgen Link / Wulf Wülfing, Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen: Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1984, S. 93–99.
5 Zuerst in: Das Argument 139 (1983), S. 379–387.